Mittwoch, 14. August 2013

'Endlich' Alltag in der Special School




Seit ca 4 Wochen findet in der Special School wieder normaler Unterricht statt, die Lehrer kommen wieder zur Arbeit, der Streik ist beendet. Aber was ein normaler Unterricht an dieser Schule ist, und was meine Rolle hierbei ist, versuche ich euch heute (kurz und praegnant, weil hier staendig der Strom oder die Verbindung abreisst) zu schildern. Natuerlich kann ich nicht alle Facetten und Unterrichtsmethoden auflisten, besonders weil ich ja nicht in allen Klassen war und jede Klasse voellig anders ist.

An dem Tag, an dem die Lehrer in die oeffentlichen Schulen zurueckgekehrt waren, wurde ich wieder durch die ganze Schule gefuehrt, in jede Klasse. Ich durfte mich bei allen vorstellen, die meisten kannte ich ja schon von den vorhergegangenen unterrichtsfreien Wochen vom Spielen, die meisten Special-Kids leben ja auch in der Schule in eigenen Unterkunften bzw Schlafsaelen. Es ist wirklich schwer eine Klasse auszuwaehlen, besonders fuer mich, so habe ich vorher nie unterrichtet, noch mit Kindern mit Behinderung gearbeitet (abgesehen von meiner Taetigkeit beim Roten Kreuz, aber das zaehlt nicht wirklich, das kann man nicht vergleichen). Die Klassen sind, wie ihre Schueler, sehr unterschiedlich: Es gibt (mind.) 2 Klassen mit Kindern mit geistiger Behinderung, alle sind auf verschiedenen Leveln, unterrichtet werden trotzdem alle zusammen, zumindest wird es versucht! Dann gibt es 6 Klassen mit taubstummen Kindern, sie werden ganz normal unterrichtet, der einzige Unterschied ist die Unterrichtssprache: Kenyan Sign Language. Ich habe mich schlussendlich fuer die Klasse mit den Kindern mit Down Syndrom und Mikrocephallus entschieden, zum einen, weil ich die meisten schon kannte (auch einige Namen!!) und zum anderen, weil mir die Lehrerin, die mich durch die Klassen fuehrte, diese Klasse (ihre Klasse) sehr schmackhaft gemacht hat!


Bitte versteht mich nicht falsch! Meine Klasse ist wirklich etwas ganz besonderes mit wundervollen Kids und 2 sehr starken Lehrern. Ich geniesse meine Zeit mit den Kindern sehr, immer wenn ich am Morgen den Raum betrete, werde ich regelrecht von den Kids angesprungen, die Kleinsten versuchen auf mich zu klettern, sich gegen die Groesseren durchzusetzen. Jene Groesseren sind zum Teil aber auch die Juengeren, aufgrund des Microcephallus ist die koerperliche und geistige Entwicklung verlangsamt oder generell gestoert, also sitzen auf der grossen Schilfmatte vor der Tafel 5-53-jaehrige Schueler, ja 53!! Er wird von allen Mr. Kizungu genannt, hat einen Schnauzbart und umarmt mich, wenn er mich sieht ca. 5 Minuten oder taetschelt mir die Schulter, er koennte locker mein Vater sein, jetzt ist er einer meiner Schueler und ich bringe ihm bei, die Zahlen 1 - 10 auf Englisch zu sagen.



Meine Klasse


Mr. Kizungu






Genau sowas ist unser Unterricht: Wir versuchen jeden Tag aufs neue, einfachste Dinge, wie das Zaehlen, Buchstaben erkennen bzw auszumalen, ein Lied zu singen, einfache Kommandos, wie Sit Down!, Jump! oder Stand Up! zu ueben, einfache Rechnungen durchzufuehren (also 2+1=?), usw usw
Leider ist das gelernte bis zum naechsten Tag meist wieder vergessen, wir beginnen mehr oder weniger wieder von vorne. Den "Kindern" stoert das nicht, sie haben Spass beim Singen, bei den Sprachuebungen und bei Pysical Education. Ich bin dabei aber meistens nicht der Lehrer, sondern eher Spielkamerad, Troester, Kletterbaum, usw. Oft bin ich aber auch auf mich allein gestellt, ich versuche dann, bereits gelerntes zu wiederholen oder die Kids sonst irgendwie sinnvoll zu beschaeftigen.










Das Kaertchen ist eig. viel zu schwer zu verstehen, fuer die meisten, ich bin froh, wenn sie ganz einfache Worte auf Englisch sprechen, wenn sie denn ueberhaupt sprechen koennen. Es ist manchmal wirklich nicht zu begreifen, wie man all diese Kinder in eine Klasse stecken kann, eigentlich braeuchte man hier 20 Lehrer, die sich individuell um die Kids kuemmern muessten, aber die gibt es hier leider nicht...




Nach einer Woche habe ich aber gemerkt, dass ich in anderen Klassen wohl "mehr helfen" koennte, meine Zeit hier ist sehr kurz, also wollte ich auch nicht mehr die Klasse wechseln, aber ich besuche jetzt jeden Tag nach der Pause eine andere Klasse der Special School, und unterrichte Englisch oder helfe den Lehrern bei ihrem Unterricht! Das ist unglaublich spannend fuer mich, besonders in den Klassen mit den Taubstummen bin ich sehr willkommen. Die Schueler von Class 6 rastet immer total aus, wenn ich meine 3 stuemperhaften Saetze in Sign Language "spreche", ich helfe ihnen mit Englisch, sie zeigen mir die Sign Language. Mittlerweile funktioniert die Kommunikation gar nicht so schlecht, zugegeben aber meistens nur schriftlich, obwohl mir eine Lehrerin ein ganzes Sign-Language-Woerterbuch anvertraut hat mit der Aufgabe, jeden Tag 2-3 neue Saetze zu lernen. Die Kids haben den Auftrag bekommen, mich "abzufragen", wenn sie mich in der Pause oder sonst wo sehen, mit nach Hause nehmen, darf ich das Buch leider nicht!


Einige taubstumme Kids aus der Class 5 + 6, ein paar Kleinere haben sich noch dazugemogelt ;)

Alle hier lieben die Kamera, dieses Foto hat eine Schuelerin gemacht!




Apropros Pause: In der Special School gibts es nur eine Pause am Vormittag, die dauert dafuer ca. eine Stunde und es gibt von der Kueche eine Jause, meistens Kekse mit Tee oder Porridge. In dieser Zeit beginnt fuer mich auch wieder der absolute Wahnsinn als Kinderanimateur, ich sag nur Ballons, Strassenkreide, Seifenblasen, Kinder, die hochgehoben werden wollen, viele Kinder...zu viele Kinder......den Rest koennt ihr euch denken! Gott sei Dank kommt ab und zu auch eine Volontaerin aus England vorbei, Helen, die die Aufmerksamkeit etwas von mir weglenkt! ;-P


Helen (li) mit Freundin Kate (re) --------das Maedchen links vorne im Bild denkt, ich sei ihre Papa wegen der selben Haare!

Die Kueche! Heute Mittag gabs Ugali.



Der Lehrer meiner Klasse geniesst seine Pause!




Ich habe in meiner bisherigen Zeit hier einige sehr liebe Kids kennengelernt, mal voellig abgesehen von "meinen" Kindern in der Down-Syndrom/Mikrocephallus-Klasse, muss ich dringend Monica und Steve erwaehnen! Monica ist ein ca. 14-jaehriges Maedchen, welches schon sehr gute Freundschaften mit frueheren deutschen Volos geschlossen hat. Sie schreiben sich noch regelmaessig Briefe, so habe ich sie auch kennengelernt, als sie mich bat, ihr zu helfen, einen Brief an Marina (Gruesse!) aus Deutschland zu schreiben. Mittlerweile sind auch wir gute Freunde, wir verstehen uns sehr gut und sie hilft mir immer beim Uebersetzen des Kiswahili oder der Sign Language! Steve ist an den Rollstuhl gefesselt, sonst fehlt es ihm aber nichts! Er ist auch in einer ganz normalen Primary School Klasse (ich hab heute gezaehlt: 52 Kinder!), die ich auch ab und zu besuche. Mit ihm unterhalte ich mich gern, er ist immer froehlich (selbst an Tagen mit Examen!!) und erzaehlt mir sehr viel von seinem Leben und Traeumen. Sein groesster Wunsch ist es, einmal nach Amerika zu gehen um dort zu arbeiten. Ich wuensche ihm von Herzen, dass dieser Wunsch einmal in Erfuellung gehen wird!


Monica




Das Kinder, wie Steve, ueberhaupt in die Schule gehen koennen, verdanken sie einem grosszuegigen Sponsor aus Indien, der auch jeden Samstag ein riesiges Feeding-Programm am Schulgelaende veranstaltet, letzte Woche waren ca. 3400 Menschen dort! Ansonsten hat er es ermoeglicht, aus einer kleinen Huette mit Wellblechdach, die groesste Special School Kenias, und auch die groesste Schule Kenias hier in Mtwapa zu errichten. Weiter hinten am Gelaende ist eine grosse Baustelle, wenn die neuen Schulgebaeude fertig sind, man rechnet mit Ende Dezember 2013, ist es die groesste Schule Afrikas (seine Worte). Ich durfte ihn kennenlernen, man kann menschlich grundsaetzlich halten von ihm, was man will, allerdings hat er meinen tiefen Respekt dafuer, dass er den Menschen hier eine Schulbildung und Nahrung ermoeglicht.

Am Ende koennt ihr euch noch unkommentierte Fotos vom Alltag der Special School anschauen!

Danke fuers Lesen! Der naechste Eintrag folgt bald, versprochen!! :-)



















Sonntag, 11. August 2013

Futter fassen!



Maismehl, Bohnen, Linsen, Reis, Spinat, Tomaten, Kartoffeln, Kochbananen, Huehnerfleisch, Skuma Wiki, Kassava, Fisch...


...aus diesen Zutaten lassen sich hier einfache, aber zum Teil geniale Speisen zubereiten! Ich war selbst extrem positiv ueberrascht von der abwechslungsreichen Kueche hier, vielleicht liegt es an den Gewuerzen (ausser Salz, entweder essen wir Europaeer viel zu viel davon, oder die Kenianer haben kein Gefuehl fuers Salzen!), aber ich finde die einheimischen Speisen hier wirklich sehr lecker (leider aber auf Dauer auch etwas fettig). Deshalb will ich euch heute einige davon vorstellen und beginne mit der wohl bekanntesten, aber von mit am wenigsten geliebten kenianischen Spezialitaet:


UGALI


 Hierbei handelt es sich eigentlich um nichts anderes als in Wasser gekochtes Maismehl. Es schmeckt ungewuerzt nach (Ueberraschung!) nassem Mehl, dennoch wird es an jeder Ecke angeboten als Beilage und die Kenianer essen das Zeug, als gebe es kein Morgen. Meine Mitbewohnerinnen haben mich vor dem etwas fadem Geschmack gewarnt, trotzdem wollte ich es unbedingt mal versuchen und bestelle mutig im Restaurant Chicken mit einer KLEINEN (ich habe es 3x gesagt und betont!) Portion Ugali. Bekommen habe ich einen Germknoedel-grossen Patzen Ugali! War so klar, ich habe gekaempft, das Zeug besteht aus puren Kohlenhydraten, saettigt also sehr gut, und wird nicht weniger im Mund. :-P



Links: Chicken ---- Rechts: Ugali (schon zerschnitten)




Wie ist man das jetzt? Man reisst sich ein Stueckchen ab und knetet es in der Hand, es fuehlt sich wie ein weicher, ungebackener Keksteig an, und tunkt die Sauce (sofern vorhanden, beim Chicken gabs Gott sei Dank ein bisschen was davon) oder isst Skuma Wiki dazu (gruenes, spinataehnliches Kraut, aber nur optisch). Ich war wirklich nicht begeistert vom Geschmack, koennte mir aber vorstellen, dass es mit den richtigen Gewuerzen echt richtig gut schmecken koennte. Ich habe leider nur Salz am Tisch, welches mir nach der Haelfte auch weggenommen wurde vom Nachbartisch. Tja, da musste ich dann auch so durch...
 

Ab und zu bleibe ich auch im Kinderheim zum Essen, hier gibt es auch fast taeglich Ugali. Allerdings ist Auntie Faiths Ugali wirklich bei weitem besser, ich habe auch schon selbst beim Kochen helfen duerfen, sehr zu ihrer Belustigung ;-) Sie erklaert mir, dass es besonders wichtig ist, dass alles wirklich durchgekocht ist, sonst schmeckt es wirklich nach warmen, nassem Mehl. Also kann es in Restaurants vorkommen, wenn es mal schnell gehn muss, dass es nicht richtig "durch" war. Wie dem auch sei, ich find das Ugali im Heim echt OK, kann man durchaus essen!! :-P


Pilau


Eine meiner Lieblingsspeisen hier! Es ist ein Reisgericht mit ein bisschen Fleisch und bestimmten afrikanischen Gewuerzen, die ich mir vor meiner Heimreise unbedingt am Markt von Mombasa besorgen muss. Auch das durfte ich schon bei uns im Apartement und im Kinderheim fuer 10 Personen am Holzkohleofen zubereiten. Zuerst laesst man Zwiebeln, Knoblauch und die Gewuerze in Oel leicht anbraten, gibt dann optional Tomaten und Kartoffeln dazu, ein bisschen Wasser, gekochtes Fleisch, ungekochten Reis, den man leicht braun werden laesst, erst dann das Wasser zum Reiskochen! Im Kinderheim ist mir die erste Portion zwar total verbrannt (ich war erst beim ersten Schritt, war also halb so wild, aber der verdammte Kohleofen war noch viel zu heiss!!), beim zweiten Versuch hat's aber sehr gut geklappt!





Pilau-Kochsession zuhause im Apartement...

...und nochmal im Kinderheim. (Auntie Faith hat auch ein bisschen geholfen^^)




Ich liebe v.a. den Geruch der Pilau-Gewuerze, im Restaurant bekomme ich hier eine grosse Portion Pilau, einen Teller Sauce und eine Banane fuer 100 KSh, das ist nicht einmal 1 Euro!


Chapati mit Bohnen


Das ist das absolute Lieblingsabendessen von den Maedls und von mir! Chapatis kann man am besten mit den Fladenbrot zu vergleichen, welches bei uns an den Kebap-Staenden fuer einen Dueruem (ja, kein U mit " nervt manchmal echt....) verwendet wird. Die Bohnen hier mit der Sauce sind einfach richtig, richtig gut, auch wenn es sich nicht sonderlich spannend anhoert, diese Kombi koennte ich jeden Tag essen! Optional gibt es statt den Bohnen manchmal auch Linsen.





Matoke


Wenn man bei uns durch die Strassen geht, findet man an den vielen Obststaenden auch ganze Trauben an gruenen Bananen. Die sind allerdings nicht unreif, es handelt sich um Kochbananen. Diese werden geschaelt und gedaempft. Danach kann man sie entweder zu Brei zerstampfen oder man schneidet sie in kleine Stuecke. Schmecken tut das Ganze dann wie Kartoffeln (bzw in Breiform wie Puree).


Matoke Special - mit Fleisch, Kraut und Kartoffeln.




Githeri


Bohnen und aufgequollenen Mais, einfacher gehts eigentlich nicht mehr, und schmeckt je nach Wuerze auch ueberraschend gut. Im Kinderheim gibt's das auch oft, so sind beide Zutaten billig und lang haltbar. Und wenn man will, kann man immer noch Fleisch, Kartoffeln oder sonst was dazugeben und man hat ein wirklich gutes, fuellendes Mittagessen.


Githeri Special - mit Kraut und Fleisch.




Cassava & Viazi:


Diese Kleinigkeiten kann man sich auch an jeder Ecke hier extrem billig fuer den kleinen Hunger besorgen. Cassava sind die Wurzeln einer hier heimischen Pflanze (Maniok) und schmecken aehnlich wie Kartoffeln. Viazi sind Kartoffelstuecke, die auf eine bestimmte Art und Weise paniert sind, gegessen werden sie mit kenianischen Chili, gemischt mit Zitronensaft. Besonders die Viazi haben mich total gefangen, einfach total gut!



Cassava, hier mit Chili und Zitronensaft!




Wer es sich leisten kann, isst hier auch Fleisch. Vor allem Rindfleisch, Huehnerfleisch und das dezent zaehe Ziegenfleisch findet man eig. in jedem Restaurant, UND FISCH! Wir leben ja an der Kueste, also kein Wunder. Allerdings hab ich letzteres bis jetzt weniger gegessen. Wir bekommen hier zu Abend eher die einfacheren Gerichte, bzw. jene, die sich bei den Volunteers bewaehrt haben. Ganz selten gibts auch mal Chicken oder Fisch:



Ich probiere aber in den Restaurants immer mal wieder gerne neue Sachen aus.


Beef Biryani

Chicken Curry mit Chapati und Skuma Wiki.



Letzte Woche haben wir uns von unserem Schweizer Nachbar den Griller ausborgen duerfen, was dabei herausgekommen ist, war wesentlich besser, als das Foto vermuten laesst! :-D 


Es war am Ende kaum verbrannt! WIRKLICH!

Nach dem Feeding-Programm, welches ja jeden Sonntag stattfindet, bei dem ich bis jetzt auch immer mit dabei war, gibt's im Anschluss, wenn die Kids alle versorgt sind, auch fuer uns Helfer was zu essen. Und zwar indisch, zubereitet von den indischen Frauen der Organisatoren des Programms:




Die 2 Knoedel links sind unglaublich suess, die Erbsen in der Schuessel unglaublich scharf! Oben findet man wieder Kochbananen mit Curry! Eure Geschmacksnerven im Mund werden hier echt gefordert!


Zum Schluss zeig ich euch noch unser typisches, zugegeben sehr unspektakulaeres Fruehstueck: Toastbrot, Margarine, Honig (von uns selbst besorgt), Fruechte (in diesem Fall Orangen, am liebsten aber leider im Moment selten Mangos oder Avocados!), Schwarztee.




Grundsaetzlich laesst sich also sagen, dass ich hier sicher NICHT ABNEHMEN werde. Die Gewuerze hier machen die einfachsten Gerichte wirklich lecker, sofern man wuerzt (Ugali...). Jacque hat selber ein kleines Kochbuch zusammengestellt mit den kenianischen Speisen, die sie uns immer zu Abend kocht, allerdings bis jetzt nur elektronisch. Mal gucken, ob ich ihr das irgendwie abluchsen kann! Wenn ja, dann werde ich in meiner Studiheim-Kueche wohl das eine oder andere Mal von meinen bewaehrten Nudeln mit irgendwas abweichen und mal was ausprobieren! (Ich entschuldige mich bereits jetzt fuer den Feueralarm!)


In diesem Sinne: Guten Hunger!!

Euer Berni




Freitag, 9. August 2013

Jambo Mzungu!!


 "Mzungu! Mzungu!!" - ein Wort, was sich so in mein Hirn eingebrannt hat, wie kein zweites, das liegt ganz einfach daran, dass ich es gefuehlte 100x am Tag hoere. Kinder rufen mir auf der Strasse nach und zeigen aufgeregt auf mich, in der Schule bin ich nicht der "teacher", sondern einfach der Mzungu, Boda-Fahrer haben meine Nummer unter Mzungu eingespeichert, an allen Ecken hoert man dieses Wort gerufen oder gefluestert. Mzungu...dabei spürt man ohne die Sprache zu verstehen, dass es manchmal sowohl freundlich oder neutral, aber auch abwertend und sogar als Beschimpfung verwendet wird. 


Aber was heisst das ueberhaupt? 


Grob uebersetzt bedeutet der Begriff Mzungu so viel wie Fremder, Seltsamer, der alles sehen/erfahren moechte, also ein Weisser oder Tourist, im weiteren Sinne auch ein Reicher. Weisse, die schon laenger in Ostafrika leben, werden manchmal anders genannt, das ist aber auch eher selten, so denkt man hier, alle Weissen waeren grundsaetzlich sehr reich, egal, wie alt man ist, was man hier macht (also ob man Tourist, Volo oder sonst was ist) oder wie man sich verhaelt.


Im Allgemeinen bin ich eig. sehr ungluecklich ueber diesen Begriff bzw. die Meinung, die die Einheimischen hier von uns Europaeern haben. Es hat zwar einige Vorteile, ein Mzungu zu sein: Man wird z.B. im Matatu privilegiert behandelt, beim Anstellen vorgelassen, meistens wird mit einem sehr respektvoll umgegangen, allerdings bin ich mir sehr wohl auch dessen bewusst, dass wir Mzungus von den meisten als "unwissende Geschaeftspartner mit zu grossem Geldbeutel" gesehen werden. In den ersten Tagen zahlt man mal mit Sicherheit das Dreifache des urspruenglichen Preises, egal, worum es geht. Besonders schlimm wird das natuerlich bei Touristen zelebriert, wenn man hier also niemanden hat, der halbwegs bescheid weiss, wird man manchmal ganz schoen ausgetrickst. Ich habe hier in meiner 2. Woche z.B. fuer einen Film anstatt den ueblichen 50 KSh deftige 500 KSh bezahlt, was mich auch gar nicht so verwundert hat, so sind 500 KSh umgerechnet ca. 4 Euro. Auch auf den Maerkten sollte man sich im Feilschen ueben, was anfangs aber sprachlich noch nicht so gut geht, bzw. hat man auch einfach nicht immer Lust darauf.


Das Leben in Kenia ist ziemlich billig (allerdings verdienen die Leute hier auch dementsprechend weniger). Fuer ein gutes Mittagessen zaehle ich in einem normalen Cafe umgerechnet keine 2,50 Euro. Also ist es nicht so schlimm, wenn man ab und zu mal mehr zahlt, v.a. wenn man die schweren Lebensverhaeltnisse mancher Einheimischer kennt. Dennoch nervt das alles mit der Zeit ziemlich. Nach 6 Wochen Aufenthalt habe ich einfach keine Lust mehr tagtaeglich wieder mit irgendeinem Bodafahrer ueber den Preis fuer die Fahrt zur Arbeit zu diskutieren, obwohl ich seit Wochen immer den selben, offensichtlich fairen Preis zahle. Manche (bei weitem nicht alle!) versuchen einfach immer wieder, den ueblichen Preis zu erhoehen oder mich einfach zu verarschen, das find ich manchmal echt traurig, fuer wie bloed wir manchmal gehalten werden. Und wir sind doch nicht alle reich! Klar, aufgrund des wirklich fantastischen Wechselkurses bzw. der schwachen Waehrung hier, kann ich mich als Student bzw Volunteer hier einen ueberdurchschnittlichen Lebensstandard locker leisten, allerdings sehe ich es nicht ein, den Mzungu-Preisaufschlag zu bezahlen, schon gar nicht, wenn hier alle wissen, dass ich ein Volunteer bin, also fuer meine "Arbeit" natuerlich kein Geld bekomme, aber um dorthin zu kommen taeglich zahlen muss. Wenn man aber mit den Leuten redet, dann sehen sie das auch sehr schnell ein, und dann gibt es meistens kein Problem mehr, ein paar wollen aber einfach nicht aufgeben, was die Stimmung etwas runterzieht.


Besonders traurig finde ich, wenn so ein Verhalten an die Kinder weitergeben wird. Die meisten Kids, die mich auf der Strasse sehen, gruessen mich, rufen laut Jambo!, auch oft Mzungu, meinen es aber eher positiv, weil sie neugierig sind, freuen sich total, wenn man winkt oder zurueckgruesst, die lachen einem immer an, das werde ich auch echt total vermissen, wenn ich wieder zuhause bin. Dann gibt es aber auch immer wieder Situationen, wie heute wieder, wo mich 10-Jaehrige frech anschwaetzen: "Hey Mzungu! Give me money!" (An "Gimme sweets!" bin ich gewoehnt, weil das hier manche aeltere Weissen, zu denen ich noch kommen werde hier, wirklich machen, v.a. Touristen a la "Och schau dir das suesse kleine schwarze Kind an!! Willst du was zum Naschen? Komm, mach ein Foto, waehrend ich dem Kleinen einen Lolly geben!!" Wenn aehnliches dann auch noch waehrend dem Feeding-Programm passiert...erm...ja...da soll sich jetzt jeder selber was dazu denken...)


Ich finde das so dreist! Es sprechen mich auch immer wieder wildfremde Leute an, mit den schlimmsten Schicksalen, sie brauchen Geld, von den Beachboys fang ich erst gar nicht an. Solche Gespraeche oder Sprueche haben mir manchmal schon ein bisschen den Tag verdorben, wahrscheinlich aerger ich mich grad zu viel darueber, es gibt hier auch viele Weisse, wo das funktioniert mag, dabei denke ich nicht nur an Touristen. Das manche (um Gottes Willen nicht alle!!) Weissen hier aber keineswegs die naiven Bilderbuch-Menschen sind, will ich hier auch nochmal extra betonen, eine gewissen Ruf haben "wir" "uns" schon "selbst" zuzuschreiben. Viele, aeltere, maennliche Weisse, die sich hier niedergelassen haben, fuehren sich naemlich auch manchmal auf, dass es zum Fremdschaemen ist. (Dass hier der Sextourismus voll zugeschlagen hat, lasse ich auch mal unkommentiert und dass ich damit dann noch grosskotzig an der Strasse mitten in der Oeffentlichkeit vor den gleichgesinnten "Freunden" prahle, wie man hier lebe und sich alles erlauben kann, weil man ja das Geld habe, sowieso. Aber sich dann gleichzeitig darueber aufregen, dass das weibliche Pendant zum Beachboys nicht die treue, wahre Liebe ist....entschuldigung, aber mich regt das auf.) Dank solcher Leute ist das Wort Mzungu fuer mich wirklich zum Schimpfwort geworden, ich hoere es (ausser von den kleinen Kids) nicht gerne, vielleicht versteht ihr jetzt auch warum. Ich moechte nicht in einen Topf mit diesen Leuten geworfen werden, und es gibt genug Weisse, die hier ein aufrichtiges, ruhiges Leben fuehren, ohne Prahlerei, ohne Sextourismus, ohne sonst was, die bestimmt aehnlich fuehlen.


Ich habe hier allerdings auch verallgemeinert, natuerlich machen dass nicht alle Leute, tatsaechlich nur ein kleiner Bruchteil, aber man faellt hier als Weisser einfach auf (auf der Strasse, am Strand, am Boda), und da hoert man "Mzungu", bloede Sprueche oder Betteleien/Tricksereien viel oefters, obwohls vielleicht einer von 100 wirklich macht. Die Menschen hier sind grundsaetzlich sehr offen, freundlich und hilfsbereit! Ich habe hier echt tolle Leute kennengelernt aus den unterschiedlichsten Schichten und Lebenslagen, die Kids sind sowieso toll (ausser sie fragen nach Geld), und ich geniesse meine Zeit hier wirklich sehr!


Die Aufmerksamkeit, die ich hier bekomme, wird mir sicher sehr abgehen in Europa. Aber es gibt eben auch die andere Seite, man kommt hier auch zum Nachdenken, wie sich ein Afrikaner bei uns zu Hause fuehlen muss, da fallen naemlich die meisten positiven Effekte des "Mzungu-Daseins" weg, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, die mich seit meiner Ankunft hier allerdings doch oft beschaeftigt. Ich moechte hier eig. nicht anders behandelt werden, wie die Einheimischen auch, egal ob positiv oder negativ. Das es nicht zu aendern ist, dessen bin ich mir leider sehr bewusst.


Sorry, ich weiss, dass der heutige Eintrag mal ein bisschen ernster wahr, es ist nicht alles aus Zucker in Afrika aber ich moechte hier auch kein falsches Bild abgeben. Ich spreche ausschliesslich von meinen eigenen Erfahrungen vom Fremdsein, dem Verhalten mancher Weissen hier, und wie ich dem Begriff Mzungu begegne. Die eigentliche Botschaft von heute soll sein: wenn ihr nach Afrika gehen wollt, dann rechnet damit, dass ihr auf die eine oder andere aehnliche Situation stossen werdet. Wie man dann darauf reagiert, ist jedem selbst ueberlassen. Wenn man aber jemanden hat, der sich mit den ueblichen Preisen auskennt, ist es sicher nicht von Nachteil. Uebertrieben grantig zu reagieren wuerde ich aber nicht (ausser es geht um den allgemeinen Umgang miteinander). Auch hier in Mtwapa herrscht zum Teil bittere Armut, da macht es mir nichts aus, manchmal mehr zu bezahlen, ganz im Gegenteil!