Donnerstag, 8. August 2013

Bei Risiken und Nebenwirkungen...

...fragen Sie bitte NICHT den Pharmazie-Studenten!

Ich hatte schon laenger Lust darauf, einen Blogeintrag ueber die Reiseapotheke von uns europaeischen Volunteers in Kenia zu schreiben, und jetzt gibt es auch leider einen aktuellen Anlass, warum ich dieses Thema aufgreiffe:

Meris (3 Jahre) hat Malaria.

Ausgerechnet die Kleinste aus dem Kinderheim, in dem ich arbeite, hat's jetzt erwischt. Vorgestern, als ich bei den Kids einen Kurzbesuch abgestattet hab, ist mir Meris schon ungewoehnlich ruhig und muede vorgekommen, als mich heute frueh ein SMS von Jacque infomiert: "Good morning, I had to go to the children's hoime early because Meris was not feeling well." Ich rufe zurueck, gestern Nacht war noch ein Doktor da, der meinte, es sei Malaria. Ich war anfangs total geschockt, bin nach der Arbeit in der Special School kurz ins Kinderheim vorbeigeschaut, wo ich Jacque auch gleich ausfragte. Meris hat hohes Fieber, hat aber Medikamente bekommen, jetzt geht's ihr schon viel besser. Sie wirkt relaxt, und auch Auntie Faith scheint nicht (mehr) zu besorgt zu sein. Dass Malaria eine schlimme Krankheit sei, an dem auch viele Menschen taeglich sterben, ist unbestritten, allerdings erklaeren mir die Leute hier (voellig unabhaengig voneinander), dass das Malariaproblem ein rein finanzielles Problem ist. Wer sich die Medikamente leisten kann, der hat auch kein grosses Problem, wer nicht.....

Ich frage Faith, ob ich einen Blick auf die Tabletten werfen darf, die Meris nimmt, bzw genommen hat. Zum einen Paracetamol zum Fiebersenken und Coartem. Mir sagt das anfangs mal gar nichts, hier erwartet irgendwie jeder von mir, alle Medikamentennamen, Inhaltsstoffe, Nebenwirkungen und Dosierungen auswendig runterleiern zu koennen (eine Lehrerin der Special School fragt mich auch immer die wildesten Sachen von irgendwelchen Medikamenten, die sie nimmt) - vielleicht ein Einblick in meine Zukunft - ABER MIT SICHERHEIT ZU VIEL VERLANGT VON EINEM PHARMAZIESTUDENTEN IM ERSTEN ABSCHNITT!! Weil auf der Verpackung, abgesehn von der Dosierung nicht viel draufsteht, mache ich mich erstmal im Internet schlau:

COARTEM


Coartem ist ein hoch wirksames und gut verträgliches Antimalariamedikament mit einer
Heilungsraten von bis zu 95%, auch in Gebieten mit Mehrfachresistenzen. Es ist geeignet fuer die Behandlung von Malaria, die vom Plasmodium falciparum (der wohl gefährlichsten Malariaform) verursacht wird. Es handelt sich um eine Fixkombination des Artemisinin-Derivats Artemether mit Lumefantrin.
Artemisinin ist ein Wirkstoff, der aus der Pflanze „einjähriger Beifuss“ gewonnen und seit Jahrhunderten in
der traditionellen chinesischen Medizin zur Behandlung von Fieber eingesetzt wird. Eine auf Artemisinin basierende Kombinationstherapie ist eine Kombination von zwei oder mehr Medikamenten (von welchen eines ein Artemisinin-Derivat ist), welche verschiedene Wirkmechanismen und therapeutische Ansatzpunkte aufweisen. Coartem wurde von Novartis in Zusammenarbeit mit chinesischen Partnerunternehmen entwickelt, Die Tabletten von Coartem werden von Novartis in China produziert und sind in 79 Ländern zugelassen.Coartem wurde in umfangreichen klinischen Studien mit über 3 000 Patienten (nur?!) eingehend untersucht. 







Ich selbst nehme als Malaria-Prophylaxe Doxycyclin. Ich zitiere Mal aus der Homepage eines deutschen Tropeninstituts: "Doxycyclin ist zur Prophylaxe der Malaria tropica in Gebieten mit Multiresistenzen geeignet und wird von der WHO für einige Regionen empfohlen. In Deutschland (und Oesterreich) ist Doxycyclin für diese Indikation nicht zugelassen und kann nur als sog. Off-Label Use verordnet werden. Als häufigste Nebenwirkung tritt eine Photosensibilität auf, so daß direkte Sonnenbestrahlung während der Einnahme vermieden werden sollte (ziemlich lustig in Afrika), was in tropischen Gebieten naturgemäß eine große Einschränkung ist. Seltene Nebenwirkungen sind Augenhintergrundsveränderungen und erhöhter Hirndruck, vor allem bei übergewichtigen Frauen. Bei Sehstörungen und Kopfschmerzen muß das Medikament sofort abgesetzt werden. Doxycyclin darf nicht in der Schwangerschaft und bei Kindern unter dem 8. Lebensjahr gegeben werden."





Grundsaetzlich ist Doxycyclin ein Antibiotikum (Tetracyclin-Gruppe) und ist rezeptpflichtig. Es hemmt das Wachstum der Bakterien durch Blockade der Bildung von lebenswichtigen Eiweißen in den Erregern. Dadurch werden sie inaktiviert und können sich nicht mehr vermehren. Es besitzt ein breites Wirkspektrum gegen grampositive und gramnegative Erreger (z.B. Spirochäten, Rickettsien, Mykoplasmen).

Ich nehme taeglich eine Tablette mit 100 mg Wirkstoff zum Abendessen, Nebenwirkungen, ausser einer auffaellig starken Muedigkeit seit meinem Aufenthalt hier (kann aber auch andere Gruende haben, wie Wetter, neue Umgebung, anstrengender Alltag,...) spuere ich keine, auch keine Photosensibilitaet, meine einzigen 2 Sonnenbraende waren Folgen persoenlicher Dummheit (wenn's doch so gemuetlich war am Bamburi Beach um 13:00 Uhr...). Wenn ich allerdings die Tablette nicht direkt beim Essen nehme, bekomme ich immer ziemlich starke Uebelkeit, die aber nach 1-2 Stunden wieder verschwindet. Bis jetzt hab ich noch keine Malaria gehabt *auf Holz klopfen*, also scheint es zu funktionieren, denn von Mosquitos, die Malaria uebertragen koennen, wurde ich hier schon zur genuege gestochen. Das laesst sich einfach nicht verhindern, 2-3 neue Stiche entdecke ich trotz Insektenspray und Mosquitonetz fast jeden Tag nach dem Aufstehen.





Falls es aber doch mal ernst wird, habe ich als Stand-by-Medikament gegen Malaria noch Malarone mitgenommen. Es handelt sich hierbei wieder um ein Kombipraeperat mit den Wirksubstanzen Atovaquon und Proguanil, welche die Malariaerreger im Blut abtoeten. Proguanil verhindert die Vermehrung. Atovaquon verlangsamt bestimmte Stoffwechselvorgänge in den Erregern, die für diese überlebenswichtig sind. Die Nebenwirkungen koennen mitunter aber ziemlich haeftig sein, starke uebelkeit, Schwindel bis zu psychischen Stoerungen ist fast alles dabei, ausserdem hinterlaesst eine laengere Einnahmedauer v.a. im Geldbeutel eine sehr grosse Luecke, so kosten 12 Tabletten ca. 70 Euro!






Ueber Insektenspray will ich auch noch ein Wort verlieren: Wenn sie denn funktionieren, dann sicher nicht zu 100%! Man kann sich nicht komplett schuetzen, ich habe ausserdem das Gefuehl, dass die hier erhaeltlichen Sprays oder Cremen nicht besonders gut wirken. Die besten Erfahrungen habe ich mit den NoBite-Sprays gemacht, allerdings ist auch hier besondere Vorsicht geboten. Ich zitiere mal vom Text auf der Flasche: "Kontakt mit Augen und Lippen vermeiden. Nicht auf Wunden und Schleimhaeute auftragen. Nicht unter der Kleidung auftragen. Kontakt mit Plastik, Lack, Augenglaesern, Kontaktlinsen, und Uhrglaesern vermeiden. Entzuendlich,...". Moegliche Nebenwirkungen des im hautspray enthaltenen Wirkstoff Diethzltoluamid sind Juckreiz, Augen- und Schleimhautentzuendungen, Schlaflosigkeit, eine Beeinträchtigung der Wahrnehmungsfähigkeit und Gemütsschwankungen.

Noch spannender wirds auf der Rueckseite des NoBite-Kleidersprays: "Sehr giftig fuer Wasserorganismen, kann in Gewaessern laengerfristig schaedliche Wirkungen haben. Von Nahrungsmitteln, Getraenken und Futtermitteln fernzuhalten. Beruehren mit der Haut vermeiden (sehr lustig bei einem Kleiderspray!).  Nicht in Kanalisation gelangen lassen (auch spannend, wenn ich die Kleidung dann wasche). Umweltschaedlich. Reizend. Wirkstoff: Permethrin (= ein sehr effektives Nervengift: führt dazu, dass sich die Na+-Kanäle der Nervenzellen nicht mehr schließen. Na+-Ionen strömen ungehindert in das Zellinnere hinein und es kommt zu unkontrollierbaren Nervenimpulsen = Krämpfe, Koordinationsstörungen oder Lähmung)
Also ich selbst bin, was diesen Kleiderspray betrifft auf jeden Fall sehr vorsichtig bei der Anwendung, auch wenn er zugegeben hervorragend funktioniert.






Im restlichen Blogeintrag findet ihr jetzt wie versprochen eine Auszug unserer Reiseapotheke! Viel Spass beim Durchklicken und an dieser Stelle auch herzliche Gruesse an meine Pharmies zu Hause! ;-)
Auf dass ich von Malaria und anderen kleineren Uebeln wie Ringwuermchen verschont bleibe...





Wirkstoff: Paracetamol; schmerzstillend und fiebersenkend, leicht entzuendungshemmend


Wirkstoff: Mefenaminsäure (=NSAR); schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend


Wirkstoff: Hyoscin-N-butylbromid; spezifisch krampflösende Wirkung auf die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Traktes, Gallenwege, Harnsystems und Geschlechtsorgane; bei leichten bis maessigen Kraempfen; Tageshoechstdosis: 6 Dragees


Wirkstoff: Diclofenac-Natrium; schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend; besonders bei Gelenksschmerzen, Entzuendungen im Hals-/Nasen-/Ohrenbereich


Wirkstoffe: Flores primulae cum calycibus, Flores sambuci, Herba rumicis var., Herba verbenae, Radix gentiana; steigert die Flüssigkeits- bzw Schleimproduktion im Bronchialsystem; Verflüssigung von zähem Schleim; bis zu max. 6x taeglich


Wirkstoff: Ibuprofen; schmerzstillende, entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung; zur Kurzzeitbehandlung von maximal 3 Tagen

Wirkstoff: Carbo adsorbens (= Aktivkohle); bei Durchfall, insbesondere durch Infektion hervorgerufen, sowohl bakterien- als auch virusbedingt,  Blähungen, Vergiftungen, insbesondere Lebensmittelvergiftungen

Nach Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlusten bei Durchfall und Erbrechen.
Wirkstoff: Ciprofloxacin; bei bakterieller Augen-/Ohrenentzuendungen


Wirkstoff: Methylhydroxypropylcellulose; hält die Horn- und Bindehaut länger feucht; Reizerscheinungen des „trockenen Auges“ werden dadurch gemildert


Wirkstoff: Eupatorium perfoliatum (= Indianischer Wasserdost); bei Erkältungen bzw. grippalen Infekten


Wirkstoff: Cefaclor; hemmt den Aufbau der Bakterienzellwand, dadurch werden die Erreger abgetötet; bei Entzuendungen der Atemwege und im im Hals-Nasen-Ohrenbereich


Wirkstoff: Dihydrocodein, Benzoesaeure; stillt Hustenreiz; dämpfende Wirkung auf das Hustenzentrum im Zentralnervensystem; bei hoeherer Dosierung auch schmerzstillend und sedierend


Wirkstoff: Mebendazol; gegen Wurmbefall von Bandwuermern und Nematoden; bindet an die Mikrotubuli im Darm der Würmer, was dort zur Degeneration und Unterbrechung der Glukose-Aufnahme führt


Wirkstoff: Levocetirizin (= Antihistaminikum); hemmt allergische Reaktionen auf der haut und im Nasen-Rachen-Raum.


Fenistil: Wirkstoff: Dimetindenmaleat; gegen Juckreiz bei Nesselsucht (auch bei Allergien), Sonnenbrand, Insektenstichen, leichten oberflaechlichen Verbrennungen ------ Solventol: Wirkstoff: Bamipinlactat; gegen Juckreiz verschiedener Ursachen, Sonnenbrand, Quallenkontakt, Kaelteschaeden ------ Bepanthen: Wirkstoff:  Dexpanthenol; wird im Körper in Pantothensäure umgewandelt und führt durch Regeneration geschädigter Haut bei leichten Verletzungen (z.B. Verbrennungen und Schürfwunden)




Betaisodona: Wirkstoff: Polyvidon-Jod-Komplex; setzt konstant Iod frei, das Erreger in Wunden abtoetet. Dabei entfärbt sich das Iod. Falls das Mittel seine bräunliche Farbe verliert, muss es erneut aufgetragen werden, wenn eine weitere Wirkung erwünscht ist. Das Mittel ist gegen viele Erregerarten wirksam, wie Bakterien, Pilze und Viren, einschließlich Herpes und HIV, Sporen und Einzeller ---------Pantothem: Wirkstoff: Panthenol; bei Verletzungen der Haut, brandige schlechtheilende Wunden, Fisteln, Sonnenbrand, Allergien, Fieberblasen


Wirkstoffe: Glycerol, Nonoxinol, Polyvidon-Jod-Komplex; zur Desinfektion von Haut und Schleimhaut vor Operationen,  Injektionen, Antiseptischen Wundbehandlung und bei Verbrennungen Hygienischen und zur Händedesinfektion (ansonsten siehe Betaisodona Wund-Gel)


Euceta Kuehlgel: Wirkstoff: Aluminii acetatis tartratis solutio (=Essig-weinsaure Tonerde-Loesung); bei leichten Verbrennungen (Sonnenbrand), Insektenstichen, Prellungen/Verstauchungen; wirkt kuehlend


Wirkstoff: Cetylpyridiniumchlorid; antibakteriell; bei Entzündungen der Mundschleimhaut (z.B. Halsschmerzen bei Erkaeltungen)


Inhaltsstoffe: 20% Menthol, 15% Eukalyptusoel, 15% Menthyl-Salicylate, 5% Kamper, 12% essentielle Oele, Rest: Mineral Oil; zur Linderung von Schwindel, Kopfschmerzen, Reisekrankheit, Magenschmerzen, Insektenstichen, verstopfte Nase;



 







Die detalierteren Informationen wurden aus den Beipackzetteln oder mehr oder weniger serioesen Internetseiten entnommen, ich gebe auch offen und ehrlich zu, manche Stellen 1:1 kopiert zu haben, ich verzichte auf genaue Quellenangaben, das hier ist ein Reiseblog und keine wissenschaftliche Arbeit, ich will hier schliesslich auch nicht stundenlang im finstern Kaemmerchen sitzen, sondern nur einen kleinen Einblick in unsere Reiseapotheke geben. Also beachte man bitte die Ueberschrift und den ersten Satz des Eintrages: Ich erhebe keinen Anspruch auf Richtigkeit, Vollstaendigkeit und Eigenstaendigkeit im Text :-P













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